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Durchführung dialektsyntaktischer Erhebungen am

Durchführung dialektsyntaktischer Erhebungen am Beispiel SyHD

Indirekte vs. direkte Methode

Indirekte vs. direkte Methode

Multivariat angelegte Projekte wie SyHD setzen auf eine Kombination indirekter und direkter Erhebungsmethoden. Bei der indirekten Methode handelt es sich um eine schriftliche Befragungsform. Die Erhebung erfolgt hier mittels Fragebogen, die postalisch an die Gewährspersonen (kurz: GP) versandt oder digital zur Verfügung gestellt werden und somit unter Abwesenheit eines Explorators ausgefüllt werden. Die indirekte Methode erweist sich insbesondere als geeignet für lexikalische und (morpho-)syntaktische Fragestellungen.

Indirekte Methode

Vorteile:

  • geringe Kosten 
  • geringer personeller und zeitlicher Aufwand
  • Beobachter-Paradoxon aufgrund räumlicher und zeitlicher Trennung von Explorator und GP irrelevant
  • Quantität der Daten: lückenlose Abdeckung großer Erhebungsgebiete 

Nachteile:

  • keine Hilfestellung durch Explorator, keine Möglichkeit der Rückfrage durch GP 
  • keine Erfassung von Reaktionen (z. B. Zögern) und Kommentaren der GP
  • gemeinsames Ausfüllen, z. B. mit Ehepartner, oder Ausfüllen durch andere 
     => keine Kontrolle über Erhebungssituation!
  • „Laienschreibung“ (= Verschriftlichung anhand des normalen Alphabets) 
  • bestimmte sprachliche Erscheinungen nicht bzw. nur schwer erhebbar (z. B. Phonologie, Phonetik, Prosodik)

Direkte Methode

Die direkte Methode stellt eine mündliche Befragungsform dar. Sie hat die Erhebung gesprochener Sprache zum Ziel. Ein Explorator führt vor Ort, in der Regel bei den Gewährspersonen daheim, Befragungen durch und zeichnet diese mithilfe eines Tonträgers auf. Insbesondere Phänomene, die indirekt nicht bzw. nur schlecht erhebbar sind (u. a. Phonetik, Phonologie, Prosodik), können auf diese Weise untersucht werden, aber auch Syntax und Lexik. 

Vorteile:

  • Hilfestellung und gezielte Nachfragen durch Explorator, Möglichkeit der Rückfrage durch GP  
  • Aufzeichnung von Kommentaren und Reaktionen der GP
  • Erhebung von Phonetik, Phonologie, Prosodik etc. möglich 
  • Einsatz von Ton, bewegtem Bild, Spielen etc. 

Nachteile:

  • hohe Kosten
  • hoher personeller und zeitlicher Aufwand
  • Beobachter-Paradoxon
  • Gefahr standardsprachlicher Interferenzen (wenn Explorator Standardsprache und GP Dialekt spricht) 

(zu den Vor- und Nachteilen beider Methoden vgl. u. a. Eichhoff 1982, Glaser 2000, Seiler 2010)

 

 

Indirekte Methode (Fragebogenerhebung) am Beispiel SyHD

Indirekte Methode (Fragebogenerhebung) am Beispiel SyHD

„Von der Qualität des Fragebogens hängt es ab, ob die mit seiner Hilfe erhobenen Sprachdaten für die Erreichung des Abfrageziels von Wert sind“ (Eichhoff 1982: 551). Entscheidend ist dabei u. a. die Länge des Fragebogens. Ein zu langer Fragebogen kann die Rücklaufquote negativ beeinflussen (Die SyHD-Fragebogen enthielten 25 bis 35 Aufgaben). Er kann die Gewährspersonen von einer Teilnahme an der Befragung abschrecken oder während des Ausfüllens zu Ermüdungserscheinungen, automatisiertem Ausfüllen (z. B. alles ankreuzen, Kreuzchen immer gleich setzen) und Abbrüchen führen. Die Anordnung der zu bearbeitenden Aufgaben bzw. zu beantwortenden Fragen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Um den Fragebogen möglichst abwechslungsreich zu gestalten und „Reihenfolge-Effekte“ bei der Beantwortung zu vermeiden, sollten sowohl die Aufgabentypen als auch die Phänomene in ihrer Abfolge variieren. Die Beantwortung einer Frage sollte daher auch nicht abhängig von der Beantwortung einer Vorgängerfrage sein. Die zu untersuchenden Phänomene sollten zudem mittels unterschiedlicher Aufgabentypen erhoben werden; so kann der Einfluss des Aufgabentyps bei der Analyse berücksichtigt werden. Außerdem unterscheiden sich die verschiedenen Aufgabentypen in ihren Anforderungen an die Gewährspersonen und liefern so unterschiedliche Erkenntnisse (s. u. Bewertungs- vs. Arbeitsaufgabe). Untersucht man nur ein Phänomen, dieses aber in unterschiedlichen Ausprägungen, können Distraktoren (auch: Ablenker) eingesetzt werden, um von dem eigentlich zu erhebenden Phänomen abzulenken. Ganz generell gilt zudem, dass die Aufgaben bzw. Fragen möglichst so angeordnet und gestellt sein sollten, dass die Gewährsperson nicht erkennt, was genau untersucht wird und welches Ergebnis man gerne hätte (vgl. dazu Albert/Koster 2002: 37–39). 

Wie kann ein Fragebogen zur Dialektsyntax aussehen?

Aufbau eines Fragebogens: Auf den ersten Seiten eines Fragebogens bietet es sich an, Arbeitsanweisungen und Hinweise zum Ausfüllen zu geben sowie relevante persönliche und soziolinguistische Angaben der Gewährspersonen zu erfragen und zu erfassen. Überdies sollte dem eigentlichen Arbeitsteil des Fragebogens, im dem die Gewährspersonen konkrete Aufgabenstellungen bearbeiten (z. B. Bilder beschreiben), eine Zusicherung der Anonymität und der rein wissenschaftlichen Nutzung der durch die Gewährspersonen gemachten Angaben vorangestellt sein. Am Ende eines Fragebogens kann den Gewährspersonen die Möglichkeit geboten werden, Kritik und Anregungen sowie die zum Ausfüllen des Fragebogens benötigte Zeit zu notieren. Natürlich ist es auch wichtig, den Gewährspersonen für ihre Mitarbeit zu danken. 

Wenn man mehrere Erhebungsrunden plant, bietet es sich zudem an, am Ende eines Fragebogens die Teilnahmebereitschaft der Gewährspersonen an weiteren Erhebungen zu erfragen. Findet eine Erhebung über einen längeren Zeitraum und mehrere Erhebungsrunden hinweg statt, kann es zudem von Nutzen sein, den Gewährspersonen Informationsmaterial zukommen zu lassen. Es ist wichtig, dass die Gewährspersonen Interesse am Projekt entwickeln und begeistert bei der Sache sind. Ergänzend zum Versand des (ersten) Fragebogens sollte daher auch ein Begleitbrief bzw. Anschreiben beigelegt werden, in dem man die eigene Motivation darlegt, sich und seine Arbeit vorstellt und, um die Mithilfe der Gewährspersonen bittet sowie deren Wichtigkeit herausstellt. Um die ausgefüllten Fragebogen dann auch wirklich zurückzubekommen, sollte man bei postalischem Versand unbedingt einen frankierten und adressierten Rückumschlag beilegen, damit den Gewährspersonen keine Kosten entstehen. Die Festsetzung eines Rücksendedatums (z. B. im Anschreiben) kann zudem dazu beitragen, dass der Fragebogen bei den Gewährspersonen nicht in Vergessenheit gerät und man selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt auch wirklich eine gewisse Anzahl an Bogen zurückerhalten hat. 

Einige Studierende, die im Kontext von SyHD Seminar- oder Abschlussarbeiten geschrieben haben, haben in ihrem Heimatort Befragungen nach SyHD-Vorbild durchgeführt. In solchen Fällen bietet es sich natürlich an, die Fragebogen persönlich zu verteilen und auch wieder einzusammeln. Bevor man die Fragebogen verschickt oder verteilt, sollte man aber auch immer geprüft haben, ob die Aufgaben bzw. Fragestellungen auch wirklich funktionieren und (richtig) verstanden werden. Ausführliche Vorstudien mit einer gewissen Zahl an Teilnehmern, sogenannte Pretests, können helfen, die unterschiedlichsten Fehlerquellen (z. B. zu komplizierte oder missverständliche Fragestellungen, fehlerhafte „Dialektalisierungen“; zur „Dialektalisierung“, d. h. der sprachlichen Anpassung der Stimuli an den Dialekt der Gewährspersonen, s. u.) zu identifizieren und in der endgültigen Fragebogenversion zu vermeiden. Natürlich muss man sich ganz zu Beginn auch Gedanken darüber machen, wen und wie viele Personen man überhaupt befragen möchte und einen geeigneten Untersuchungsgegenstand auswählen (zu den fünf Phasen in der Fragebogenentwicklung s. Albert/Koster 2002: 38)

Als Beispiel: Auszug aus der ersten Fragebogenerhebungsrunde von SyHD (standarddeutsche Fassung).

 

Wie sehen mögliche Aufgaben aus? 

Aufgaben: Die SyHD-Aufgaben können in Bewertungsfragen und Arbeitsaufgaben unterteilt werden. Mit Ausnahme der Ankreuzaufgaben (auch: Multiple-Choice-Aufgaben), die unter die Kategorie Bewertungsaufgabe fallen, handelt es sich bei Puzzle-, Ergänzungs- und Übersetzungsaufgaben sowie Einzelbild- und Bildsequenzbeschreibungen um Arbeitsaufgaben, bei denen die Gewährspersonen „mehr leisten müssen, als Kreuze zu setzen“ (Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 12). Während die Ankreuzaufgaben Aussagen zur Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz vorgegebener Varianten ermöglichen, erlauben freier gestaltete Aufgaben Aussagen zur aktiven Dialektkompetenz der Gewährspersonen (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 30). 

Die Aufgaben werden jeweils durch eine kurze Einstiegsgeschichte in einen „situationellen alltagsweltlichen Kontext“ eingebettet, der zur Aufgabenstellung überleitet, Informationen zur Bearbeitung liefert und teils so gestaltet ist, dass das Auftreten bestimmter Phänomene bewusst hervorgerufen wird (Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 13). Seiler (2010: 520) ergänzt, dass die Gewährspersonen durch die Einstiegsgeschichten von dem eigentlichen linguistischen Problem abgelenkt werden und spontaner antworten. Neben der Einstiegsgeschichte enthalten die SyHD-Aufgaben aufgabenspezifische Arbeitsanweisungen (z. B. Bitte übersetzen Sie den folgenden Satz in Ihr Platt/Ihren Dialekt und schreiben Sie ihn so auf, wie Sie ihn sagen würden!).

Ankreuzaufgabe (auch: Bewertungsaufgabe, Multiple-Choice-Aufgabe): Hier werden den Gewährspersonen unterschiedliche, in der Regel bis zu fünf, Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Im Rahmen der Aufgabenstellung werden sie aufgefordert, die Antwortmöglichkeit(en) anzukreuzen, die in ihrem Dialekt möglich ist/sind. Daneben haben sie die Möglichkeit, in einem freien Feld eine eigene Antwortmöglichkeit zu notieren. Abschließend können sie die natürlichste Antwortmöglichkeit auswählen. Bei SyHD stellt die Ankreuzaufgabe den am häufigsten verwendeten Aufgabentyp dar, der zudem phänomenübergreifend zum Einsatz kam (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 13–17).

Siehe z.B. Frage 11 aus der 1. Erhebungsrunde (E1_11)

 

Übersetzungsaufgabe: Hier werden die Gewährspersonen aufgefordert, einen standardsprachlichen Satz in ihren Dialekt zu übersetzen. Wenngleich dabei die Gefahr von „Echoformen“, d. h. der Wort-für-Wort-Übernahme der standardsprachlichen Vorgabe in den Dialekt besteht, ist die Übersetzungsaufgabe methodisch nicht inadäquat. Insbesondere Abweichungen von der Vorgabe sind interessant. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass optionale Konstruktionen bei Übersetzungsaufgaben seltener vorkommen können. Bei SyHD wurden u. a. der Gebrauch von Perfekt- und Präteritum und der Relativsatzanschluss mithilfe von Übersetzungsaufgaben erhoben (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 22–23).

Siehe z.B. Frage 20 aus der 2. Erhebungsrunde (E2_20)

 

Ergänzungsaufgabe (auch: Lückentext): Hier wird den Gewährspersonen ein lückenhafter Satz vorgegeben, den es durch ein Wort oder eine Phrase zu vervollständigen gilt. Der situationelle Kontext und der zu ergänzende Satz sind dabei so gestaltet, dass die Möglichkeiten hierfür begrenzt und möglichst stark auf das intendierte Phänomen zugeschnitten sind. Bei SyHD wurden auf diese Weise u. a. der würde-/täte-Konjunktiv sowie Komparativ und Äquativ erhoben (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 23). 

Siehe z.B. Frage 7 aus der 3. Erhebungsrunde (E3_07)

 

Puzzleaufgabe: Den Gewährspersonen wird ein Teil des Antwortsatzes vorgegeben. Dieser enthält im Gegensatz zur Ergänzungsaufgabe aber keine Lücke, sondern soll von den Gewährspersonen vervollständigt bzw. zu Ende geführt werden. Die Wörter, die dabei verwendet werden sollen, werden ebenfalls vorgegeben. Es ist allerdings zu beachten, dass die Reihenfolge der vorgegebenen Wörter die Antworten der Gewährspersonen beeinflussen kann („Reihenfolge-Effekt“). Erhoben wurden so bei SyHD u. a. Progressiv- und Possessivkonstruktionen (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 24–25).

Siehe z.B. Frage 2 aus der 4. Erhebungsrunde (E4_02) 

 

Einzelbildbeschreibung: Im Mittelpunkt dieses Aufgabentyps steht, wie der Name schon sagt, eine Abbildung. Die Fragestellung (z. B. Was macht das Mädchen auf dem Bild gerade?), auf die die Gewährsperson in einem vollständigen Satz antworten soll, ist auf den Bildinhalt bezogen. Im Rahmen des situationellen Kontexts werden hier lediglich die Referenten eingeführt; es gibt keine längere Einstiegsgeschichte. Die Relation, in der die Referenten zueinander stehen, womit sie sich beschäftigen oder in welchem Zustand sie sich befinden, bleibt unerwähnt. Daher ist es auch wichtig, dass die Abbildung möglichst eindeutig gestaltet ist. Wenn es bspw. darum geht, die dargestellte Tätigkeit zu beschreiben, muss diese anhand der Abbildung auch eindeutig als solche erkennbar sein. Wenn eine Handlung nun aber nicht ganz so gut darstellbar ist, kann das intendierte Verb zusätzlich vorgegeben werden (vgl. Puzzleaufgabe). Anhand von Einzelbildbeschreibungen wurden bei SyHD sowohl die Progressivkonstruktionen als auch die Flexion des Zahlwortes zwei erhoben (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 18–19).

Siehe z.B. Frage 18 aus der 3. Erhebungsrunde (E3_18) 

 

Bildsequenzbeschreibung: Anstelle einer einzelnen Abbildung steht bei diesem Aufgabentyp eine Bildsequenz bestehend aus sechs thematisch aufeinander aufbauenden Einzelbildern im Fokus. Die Aufgabe der Gewährsperson besteht darin, das über die Bildsequenz transportierte Geschehen in nur einem Satz zu beschreiben. Abgebildet war bei SyHD jeweils ein Mann, dem etwas widerfährt; gefragt wurde Was passiert mit dem Mann? Bei SyHD wurden auf diese Weise das Rezipientenpassiv mit kriegen sowie alternative Konstruktionen (u. a. werden-/bekommen-Passiv, Konstruktionen mit lassen) erhoben (vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 19–21). 

Siehe z.B. Frage 5 aus der 1. Erhebungsrunde (E1_05)

Da SyHD die Erhebung basisdialektaler Strukturen zum Ziel hat, wurden die Aufgaben „dialektalisiert“. Auf diese Weise sollte der Einfluss der Standardsprache reduziert und es den Gewährspersonen zudem erleichtert werden, im eigenen Dialekt zu antworten (das Schreiben im eigenen Dialekt ist für Dialektsprecher nicht selbstverständlich).

Dialektalisierung: Unter „Dialektalisierung“ ist die sprachliche Anpassung der Aufgaben bzw. bestimmter Aufgabenteile an den zu erhebenden Dialekt zu verstehen. So würde man in bestimmten Dialekten z. B. ick statt ich oder semelieren statt nachdenken vorgeben. Standardsprachliche Wörter ohne dialektale Entsprechung sollte man im Rahmen von „Dialektalisierungen“ generell vermeiden. Ein Wort wie Rasen etwa ist im Dialekt ungebräuchlich; hier wäre Wiese besser.

Im Fragebogen wird aber nicht alles „dialektalisiert“. Eine „Dialektalisierung“ findet nur im Arbeitsteil des Fragebogens statt, wobei auch hier bestimmte Aufgabenteile von der „Dialektalisierung“ ausgeschlossen sind. Der einleitende Kontext zu einer Aufgabe und die Arbeitsanweisungen sind stets in Standarddeutsch gehalten. Es werden nur die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, Lückentexte, Textbausteine sowie die Fragestellungen im Rahmen von Einzelbild- und Bildsequenzbeschreibungen (z. B. Was passiert mit dem Mann?, Was macht das Mädchen auf dem Bild gerade?) „dialektalisiert“.

Als Beispiel: Auszug aus der ersten Fragebogenerhebungsrunde von SyHD (NHTH und ZHNH).

Als Hilfsmittel für die „Dialektalisierung“ bieten sich Ortsgrammatiken, lokale sowie großlandschaftliche Wörterbücher und die Wenkerbogen an. Wenn man Sprecher des zu untersuchenden Dialektes persönlich kennt, können auch diese helfen. Bei mehreren Erhebungsrunden erweisen sich zudem die zurückgesandten Fragebogen und hier insbesondere die freien Antworten der Gewährspersonen als hilfreich (zur „Dialektalisierung“ vgl. Fleischer/Kasper/Lenz 2012: 10–12).

 

Checkliste zur indirekten Erhebung:

  • Wurden Vorstudien (Pretests) durchgeführt, um den Fragebogen zu testen?
  • Ist dem Fragebogen ein Begleitbrief bzw. Anschreiben beigelegt? 
  • Wird (im Anschreiben) auf ein Rücksendedatum verwiesen?
  • Enthält der Fragebogen alle relevanten Bestandteile (Anleitung zum Ausfüllen, Platz für persönliche und soziolinguistische Angaben, Zusicherung der Anonymität etc.)?
  • Ist die Sprache im Fragebogen der zu untersuchenden Sprachvarietät angemessen, sind z. B. alle relevanten Aufgabenteile „dialektalisiert“?
  • Ist der Arbeitsteil des Fragebogens abwechslungsreich und ausgewogen gestaltet?
  • Wird am Ende des Fragebogens „Danke“ gesagt und nach der Meinung der Gewährspersonen gefragt? 
  • Ist der frankierte Rücksendeumschlag beigelegt?
SyHD (2017): Indirekte Methode (Fragebogenerhebung) am Beispiel SyHD. In: SyHD-online.
URL: http://www.syhd.info/ueber-das-projekt/beispiel-durchfuehrung/#indirekte-methode-fragebogenerhebung-am-beispiel-syhd [Zugriff:17.10.2017]

Direkte Methode bei SyHD

Die direkte Methode bietet generell mehr und andere Möglichkeiten als die indirekte Methode, z. B. den Einsatz von Ton und bewegtem Bild, die Aufnahme freier Gespräche und den Einsatz von Spielen. Aber auch die indirekt verwendeten Aufgabentypen lassen sich direkt sinnvoll um- und einsetzen. Direkt ist wie bei der indirekten Erhebung jedoch einiges besonders zu beachten, z. B. das Setting. Da sich die Gewährspersonen aufgrund der Anwesenheit eines Explorators und in ihrer Rolle als Interviewte in einer für sie recht unnatürlichen Situation befinden, ist es wichtig, dass Befragungen an einem für die Gewährspersonen vertrauten Ort stattfinden. In der Regel werden direkte Erhebungen daher bei den Gewährspersonen daheim durchgeführt. Um die Situation etwas aufzulockern und das Eis zwischen Explorator und Gewährsperson zu brechen, bietet es sich an, mit Fragen einzusteigen, die Interesse an der Gewährsperson erkennen lassen und diese zum Erzählen animieren. Bei SyHD wurde daher zu Beginn der Befragung nach dem Sprachgebrauch der Gewährspersonen, Besonderheiten ihres Ortsdialekts usw. gefragt.

Von besonderer Wichtigkeit ist zudem die Klarstellung der Rollenverhältnisse: Während der Explorator in die Rolle des Lernenden schlüpft, nehmen die Gewährspersonen die Expertenrolle ein – dies gilt es (immer wieder) deutlich zu machen! Auch die Sprache, die in der Kommunikation zwischen Explorator und Gewährsperson verwendet wird, spielt eine zentrale Rolle. Bei SyHD haben die Exploratoren intendiertes Standarddeutsch gesprochen, die Gewährspersonen hingegen Dialekt. Aufgrund der hohen Dialektkompetenz der Gewährspersonen war das kein Problem; sind sie dennoch ins Standarddeutsche geswitcht, waren kurze Hinweise von Seiten des Explorators ausreichend. Nicht zu unterschätzen ist auch der zeitliche Aufwand, der mit der Vorbereitung und Durchführung einer direkten Erhebung verbunden ist. Eine durchschnittliche direkte Befragung bei SyHD dauerte um die zwei Stunden, wobei sich dies mit einer Dauer von bis zu fünf Stunden auch deutlich in die Länge ziehen konnte. Im Vorhinein waren zudem ausführliche Pretests sowohl zur Erprobung der Erhebungsmethode als auch zur Schulung der Exploratoren von Nöten. Wichtig ist bspw., dass man den Gewährspersonen ausreichend Zeit zum Antworten lässt, sie ausreden lässt und nicht zu viel bzw. aus Versehen die gewünschte Antwort vorgibt. Vor und während einer direkten Erhebung gilt es zudem, mögliche Störquellen zu identifizieren und auszuschalten. Als problematisch erweisen sich bspw. Aufnahmen im Freien oder Räumlichkeiten mit Störgeräuschen wie laute Uhren oder Straßenlärm. Auch die Anwesenheit weiterer Personen kann Probleme bereiten, wenn diese bspw. vor der eigentlichen Gewährsperson antworten, gleichzeitig mit der Gewährsperson sprechen oder diese unterbrechen, korrigieren und evtl. verunsichern. Bei der Auswahl geeigneter Gewährspersonen für die direkte Erhebung sollte zudem berücksichtigt werden, dass Hör- oder Sehschwächen die Erhebung beeinträchtigen können. 

 

Wie kann die direkte Erhebung dialektsyntaktischer Phänomene aussehen? 

Gestaltung: Die direkte Erhebung bei SyHD wurde besonders abwechslungsreich gestaltet, da sie mit einer Dauer von ca. zwei Stunden für die Gewährspersonen eine gewisse Beanspruchung bedeutete. Sie umfasste unterschiedliche Erhebungseinheiten und Aufgabentypen. Den Möglichkeiten der veränderten Erhebungssituation entsprechend wurden auch audio-visuelle Medien genutzt. Neben einem Aufnahmegerät waren daher auch ein Laptop sowie Lautsprecher Teil der Arbeitsausrüstung. Zudem wurde für jede Erhebungseinheit ein Leitfaden angefertigt und mitgeführt sowie den Gewährspersonen eine Einverständniserklärung zur Teilnahme (auch hier wieder mit Zusicherung der Anonymität, Nicht-Weitergabe der erhobenen Daten an Dritte etc.) bereitgestellt und zur Unterschrift vorgelegt. Als kleines Dankeschön wurden den Teilnehmern eine SyHD-Tasse und der transliterierte Wenkerbogen ihres Heimatortes überreicht. In einem Erhebungsprotokoll wurden zudem wesentliche Aspekte der Erhebung (z. B. Zeit und Ort) sowie Besonderheiten der Erhebungssituation (z. B. Anwesenheit einer weiteren Person) festgehalten. 

Die direkte Erhebung bestand aus insgesamt sieben Erhebungseinheiten, von denen einige jedoch verstärkt für andere Projekte, z. B. Dissertationen, genutzt wurden, darunter ein Salienztest, eine Befragung zum Gebrauch und zur Semantik von am-Progressiv und tun-Periphrase, eine Übersetzung der 40 Wenkersätze und ein standardsprachlicher Text („Nordwind und Sonne“) zum Vorlesen. Die Erhebung begann mit dem bereits erwähnten Interview, das vor allem dazu gedacht war, das Eis zu brechen. Im Mittelpunkt der eigentlichen Erhebung standen dann neben den bereits genannten Erhebungseinheiten ein Fragebogen und eine Präsentation (vgl. Fleischer/Lenz/Weiß 2015: 265–267). 

Fragebogen: Der Fragebogen mit seinen insgesamt 14 Aufgaben war stark an die indirekte Erhebung angelehnt. Er enthielt jedoch kombinierte Aufgaben, die Elemente sowohl der Übersetzungs- als auch der Bewertungsaufgaben in sich vereinten. Wie in der indirekten Erhebung wurde auch hier zunächst ein einleitender Kontext durch den Explorator vorgegeben. Anschließend wurde um eine möglichst wortgetreue Übersetzung eines in Standarddeutsch vorgegebenen Satzes in den Dialekt der Gewährspersonen gebeten. Danach wurden den Gewährspersonen weitere Antwortalternativen vorgegeben, die sie nach der Gebräuchlichkeit in ihrem Dialekt beurteilen sollten. Indem die Gewährspersonen aufgefordert waren, mit „ja“ oder „nein“ zu antworten (teils wurde auch Unsicherheit im Sinne eines „naja“ bekundet), konnte gegenüber der indirekten Erhebung hier zusätzlich negative Evidenz erhoben werden. Neben der spontanen Reaktion auf den standardsprachlichen Stimulus im Rahmen der Übersetzung konnte so das gesamte Repertoire einer Gewährsperson in Bezug auf ein bestimmtes syntaktisches Phänomen erfasst werden. Bei SyHD wurden im Rahmen des Fragebogens Daten zur mehrfachen Negation, zu den partitiven Partikeln sen und (e)r(e) sowie zu zwei- und dreigliedrigen Verbclustern und dem Ersatzinfinitiv gewonnen.

Übersetzungs- + Bewertungsaufgabe: Wie in der indirekten Erhebung sind die Aufgaben in einen einleitenden situationellen Kontext eingebettet. An die Vorgabe eines standardsprachlichen Satzes und die Bitte um eine möglichst wortgetreue Übersetzung schließt die Vorgabe weiterer Antwortmöglichkeiten sowie die Frage nach deren Gebräuchlichkeit an. Einige Aufgaben dieses Typs bieten zudem die Möglichkeit zur Erhebung zweier Phänomene (z. B. Verbcluster + Konjunktivauxiliar). 

Siehe z.B. Frage 3 aus dem direkten Fragebogen (DF_03) 
oder Frage 8 aus dem direkten Fragebogen (DF_08)

 

Präsentation: Die Präsentation umfasste 31 Aufgaben. Sie wurde auf einem Laptop vorgeführt und enthielt neben Bildern auch kurze Videos sowie eine längere, etwa dreiminütige Videosequenz. Der visuelle Input war je nach Phänomen mit unterschiedlichen Aufgaben und Fragestellungen verknüpft. Teils waren die gezeigten Bilder um Lückentexte und Textbausteine ergänzt. Es wurden wie im (mündlichen) Fragebogen zuvor Aufgabentypen aus der indirekten Erhebung verwendet, modifiziert und kombiniert, mit der Videobeschreibung aber auch ein neuer Aufgabentyp eingeführt. 

 

Einzelbildbeschreibung: Der Aufgabentyp Einzelbildbeschreibung wurde aus der indirekten Erhebung übernommen, teils jedoch mit Lückentexten und weiteren Nachfragen kombiniert. Reine Bildbeschreibungen wurden u. a. zur Erhebung der Flexion des Zahlwortes zwei eingesetzt. Hier wurden jeweils zwei Personen mit variierendem Geschlecht, z. B. zwei Frauen bzw. Männer, oder zwei Gegenstände abgebildet. Die auf den Bildinhalt zielende Frage lautete jeweils Was sehen Sie auf dem Bild? Teils waren hier Nachfragen durch die Exploratoren notwendig, wenn bspw. in der Antwort der Gewährsperson statt von zwei Frauen von zwei Weibern o. Ä. die Rede war. In solchen Fällen wurde gefragt, ob die Gewährsperson auch ein anderes Wort als Weiber verwenden könnte. 

Siehe z.B. Frage 5 aus der direkten Präsentation (DP_05)

 

Einzelbildbeschreibung + Ergänzungsaufgabe (auch: Lückentext): Bei der Kombination aus Einzelbildbeschreibung und Ergänzungsaufgabe nehmen Abbildung und Textvorgabe insofern aufeinander Bezug, als dass die Vervollständigung eines bereits vorgegebenen, unvollständigen Satzes anhand der Abbildung ermöglicht wird. Die Arbeitsanweisung lautete daher stets: Bitte übertragen Sie den bereits vorgegebenen Satzteil in Ihren Dialekt und führen Sie ihn fort! Beschreiben Sie dabei bitte, was Sie auf dem Bild sehen! Im Anschluss an die spontane Antwort der Gewährsperson wurde nach weiteren Ausdrucksmöglichkeiten gefragt (Könnten Sie das auch noch anders formulieren?); in einem weiteren Schritt wurden konkrete Antwortmöglichkeiten vorgegeben, die es erneut hinsichtlich ihrer Gebräuchlichkeit zu bewerten galt (z. B. Könnten Sie auch sagen ...?) Dieser kombinierte Aufgabentyp wurde u. a. zur Erhebung von Komparativ und Äquativ sowie partitivem Genitiv genutzt.

Siehe z.B. Frage 3 aus der direkten Präsentation (DP_03)

 

Beschreibung von Videoclips: Die Videoclips dauerten nur wenige Sekunden. Sie wurden teils von anderen Projekten übernommen (einige Videos zum Rezipientenpassiv stammen von Alexandra N. Lenz, die Videos zu den Progressivkonstruktionen wurden von Monique Flecken zur Verfügung gestellt), teils mit Projektmitarbeitern, studentischen Hilfskräften und Kollegen gedreht. Bei SyHD wurden sie zur Erhebung von Passiv- und Progressivkonstruktionen eingesetzt. In den Progressiv-Videos wurden laufende Handlungen gezeigt, z. B. eine Frau, die eine Vase töpfert. In den Passiv-Videos hingegen wurde eine Person gezeigt, der etwas widerfährt, z. B. etwas weggenommen wird. Die Fragestellung entsprach der, die auch indirekt zur Erhebung der entsprechenden Phänomene verwendet wurde (d. h. Was macht die Frau in dem Video gerade?, Was passiert mit dem Mann in dem Video?). 

Siehe z.B. Frage 4 aus der direkten Präsentation (DP_04)

oder Frage 26 aus der direkten Präsentation (DP_26)

 

Beschreibung der Videosequenz: Ein etwa dreiminütiges Video, das ein kleines Mädchen bei unterschiedlichen Aktionen (z. B. Chips essen, Geschenk auspacken) zeigt, wurde eingesetzt, um im Rahmen eines freien Gesprächs Kongruenzformen zum neutralen, weibliche Personen bezeichnenden Lexem Mädchen zu elizitieren. Nach einer kurzen Einweisung der Gewährspersonen (hier: Ich zeige Ihnen nun ein Video von einem Mädchen, das etwas länger dauert und das aus mehreren aufeinanderfolgenden Abschnitten besteht. Beschreiben Sie bitte, während das Video läuft, was dort passiert!) wurde das Video abgespielt; der Explorator war nun außen vor, während nur noch die Gewährsperson sprach. Aufgrund der Länge des Videos sowie den verschiedenen, aufeinanderfolgenden Videosequenzen konnte neben der Kongruenz des hybrid nouns Mädchen eine Vielzahl weiterer dialektsyntaktischer Phänomene erhoben werden, z. B. am-Progressiv und tun-Periphrase.

Siehe z.B. Frage 14 aus der direkten Präsentation (DP_14)

(für weitere Sprachproduktionsexperimente, ebenso für Experimente zur Sprachrezeption,  s. u. a. Albert/Koster 2002: 61–66)

Checkliste zur direkten Erhebung:

  • Ist das nötige Equipment (Aufnahmegerät, ggf. zusätzliche Speicherkarte, Laptop, Lautsprecher) vorhanden und funktioniert es? 
  • Wurden Vorstudien durchgeführt, um die Befragung und das eigene Vorgehen als Explorator zu prüfen und einzuüben sowie nützliches Feedback von Testpersonen (und ggf. Beobachtern) einzuholen? 
  • Liegt eine geeignete Erhebungssituation vor? Gibt es Störquellen? 
  • Haben die Gewährspersonen die Einverständniserklärung zur Nutzung der erhobenen Daten gelesen und unterschrieben? 
  • Wurde das Explorationsprotokoll ausgefüllt?
  • Wurden die Daten gesichert?

Literatur

  • Albert, Ruth/Cor J. Koster (2002): Empirie in Linguistik und Sprachlehrforschung. Ein methodologisches Arbeitsbuch. Tübingen: Narr (Narr Studienbücher).
  • Eichhoff, Jürgen (1982): Erhebung von Sprachdaten durch schriftliche Befragung. In: Besch, Werner et al. (Hgg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Halbbd. 1. Berlin/New York: Walter de Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft Band 1.1): 549–554. 
  • Fleischer, Jürg/Simon Kasper/Alexandra N. Lenz (2012): Die Erhebung syntaktischer Phänomene durch die indirekte Methode: Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt „Syntax hessischer Dialekte“ (SyHD). In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 1: 2–42. 
  • Fleischer, Jürg/Alexandra N. Lenz/Helmut Weiß (2015): Das Forschungsprojekt „Syntax hessischer Dialekte (SyHD)“. In: Kehrein, Roland/Alfred Lameli/Stefan Rabanus (Hgg.): Areale Variation des Deutschen. Projekte und Perspektiven. Berlin/Boston: de Gruyter: 261–287.
  • Glaser, Elvira (2000): Erhebungsmethoden dialektaler Syntax. In: Stellmacher, Dieter (Hg.): Dialektologie zwischen Tradition und Neuansätzen. Beiträge der internationalen Dialektologentagung, Göttingen, 19.-21. Oktober 1998. Stuttgart: Steiner (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte 109): 258–276. 
  • Seiler, Guido (2010): Investigating language in space: Questionnaire and interview. In: Auer, Peter/Schmidt Jürgen Erich (Hgg.): Language and Space. An International Handbook of Linguistic Variation. Vol. 1: Theories and Methods. Berlin/New York: Mouton De Gruyter (Handbooks of Linguistics and Communication Science 30.1): 512–527.