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Dialekt als Spiegel der Sprachgeschichte

Doch Dialektsyntax ist nicht nur für Linguist_innen generativer Provenienz als Forschungsfeld geeignet. Auch Sprachwissenschaftler_innen, die generell an der Diachronie – dem historischen Werden sprachlicher Formen – interessiert sind, sollten sich besser mit Dialekten befassen, da Sprachwandel – sprachinterner wie auch externer, durch Sprachkontakt induzierter – sich (in früheren Zeiten) weitgehend auf dialektaler Ebene abgespielt hat (was die Junggrammatiker schon wussten, wie das eingangs angeführte Schleicher-Zitat beweist). 

Dialekte spiegeln die Sprachgeschichte wider, d.h. in den Dialekten ist die Synchronie ein Abbild der Diachronie, denn die syntaktischen Varianten sind häufig unterschiedliche Stufen in der sprachgeschichtlichen Entwicklung einer Konstruktion – und diese lässt sich daher auch anhand der synchronen Variation rekonstruieren. Dies gilt zunächst bei rezentem Sprachwandel, der sozusagen vor unseren Augen stattfindet. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Dativpassiv (das sog. kriegen-Passiv):

Das Dativpassiv ist eine relativ junge Konstruktion im deutschsprachigen Raum […], die sich in den verschiedenen Teilarealen und dort in unterschiedlichem „vertikalen“ Ausmaß auf der Dialekt-Standard-Achse entwickelt hat. (Lenz 2017)

Beim Dativpassiv wird das indirekte Objekt des entsprechenden Aktivsatzes in die Subjektposition angehoben und als Auxiliar fungiert meistens kriegen (alternativ bekommen bzw. selten auch erhalten). Die regional unterschiedliche Akzeptanz des Dativpassivs bei diversen Vollverben (z.B. Verben des Gebens vs. des Wegnehmens) und/oder semantischen Rollen (Benefizient, Malefizient) erlaubt Aufschlüsse darüber, in welchen Schritten und in welcher regionaler Ausbreitung sich kriegen als Passivauxiliar grammatikalisiert hat (Lenz 2017). Eine Bildsequenz, in der dargestellt ist, wie einer Person eine Banane weggenommen wird, veranlasste viele Informant_innen, die Szene mit einem Dativpassiv wie in (16) zu beschreiben. 

(16) He grejd d Banane obgenomme.
 Er kriegt die Banane abgenommen
 ‘Ihm wird die Banane weg genommen’
 (ZHNH_6-14_Dautphetal_Herzhausen_4)

Wenn das Dativpassiv mit Verben des Wegnehmens sowie Malefizienten möglich ist, kann man von einem hohen Grad an Grammatikalisierung des Passivauxiliars kriegen ausgehen (Lenz 2017). Die Karte in (17) präsentiert die Verteilung dafür im gesamten Dialektgebiet Hessens. Ihr kann entnommen werden, dass das Dativpassiv die mit Abstand beliebteste Variante darstellt. Man kann aber auch erkennen, dass die Grammatikalisierung im äußersten Norden noch nicht soweit fortgeschritten ist, da dort alternative Konstruktionen (Aktiv oder werden-Passiv) häufiger als das Dativpassivs evoziert wurden.

(17) Karte E1_20: Dativpassiv

Doch nicht nur rezenter Sprachwandel lässt sich in der synchronen Variation nachweisen, sondern auch weiter zurückliegender Wandel. Da alte Varianten zwar neue „generieren“ können, daraufhin aber nicht zwangsläufig verschwinden müssen, sondern mit den neuen zusammen weiter existieren können, stellt die synchrone Variation ein Abbild der Diachronie dar. In den letzten Jahren hat die Forschung, um nur ein Beispiel zu nennen, viele historische Entwicklungen beschrieben, die sich als Zyklus rekonstruieren lassen. Die Entstehung neuer Negationsausdrücke im sog. Jespersen-Zyklus ist seit Längerem bekannt, aber es gibt wesentlich mehr zyklische Entwicklungen (vgl. dazu generell van Gelderen 2011). Auch in den SyHD-Daten finden sich Reflexe zyklischer Entwicklungen: z.B. der Komparativzyklus (Jäger 2010) oder der Pronomenzyklus (Weiß 2015). Insgesamt bietet das in der SyHD-Datenbank enthaltene Material also einen reichen Schatz für die historische Syntax.