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Interessantes und Kurioses – oder: Warum beschäftigt man sich mit Dialektsyntax?

Dialekte bieten für die unterschiedlichsten Teildisziplinen der Sprachwissenschaft eine wertvolle und unerschöpfliche Datenquelle. Die Wertschätzung, die Dialekten in der Linguistik mittlerweile wieder entgegengebracht wird, steht in einem erstaunlichen Gegensatz zur Einschätzung vieler Laien, die in Dialekten immer noch degenerierte, fehlerhafte Formen der jeweiligen Hoch- oder Standardsprache sehen. Dagegen hat bereits die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts deren hohen Stellenwert erkannt: „Unsere Volksmundarten pflegen sich als sprachlich höher stehende, regelfestere Organismen der wissenschaftlichen Betrachtung darzustellen als die Schriftsprache“ (Schleicher 1860: 170). Es ist daher kein Zufall, dass auch die Dialektsyntax zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erste Hochphase erlebte, in der Arbeiten wie Reis (1891, 1894), Schiepek (1899-1908), Weise (1900) oder Staedele (1927) entstanden sind, die heute noch als Datenquellen wertvoll und unverzichtbar sind.

Im 20. Jahrhundert gerieten die Dialekte zunächst wieder etwas aus dem Blick der Linguistik und auch die Dialektsyntax fristete ein Schattendasein abseits von ihr, obwohl auch in dieser Zeit erstaunliche Arbeiten wie Hodler (1969) erschienen. Die Anfänge der Dialektsyntax führten allerdings nicht zu einer eigenständigen Forschungsrichtung innerhalb der Dialektologie (vgl. Werlen 1994 für eine ausgewogene Beschreibung der Situation der Dialektsyntax zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts). Vielmehr war es zunächst die theoretische Sprachwissenschaft, in der sich die Dialektsyntax seit den 1980er Jahren etablierte, um dann erst wieder in den 1990er Jahren von ihrer Mutterdisziplin aufgenommen zu werden. Trotzdem kamen auch aus der germanistischen Dialektologie immer wieder bedeutende Beiträge wie Patocka (1997).

In der theoretischen Sprachwissenschaft erwuchs die Beschäftigung mit dialektsyntaktischen Daten zunächst aus dem Interesse an syntaktischer Variation innerhalb des Prinzipien- und Parameter-Ansatzes, insbesondere an Mikrovariation (vgl. Kayne 1996). Fragen der Mikrovariation und deren theoretischer Relevanz wurden innerhalb eines DFG-Projekts im Konstanzer Sonderforschungsbereich „Variation und Entwicklung im Lexikon“ (2003–2008) unter der Leitung von Josef Bayer und Eleonore Brandner aufgegriffen. Unabhängig davon existieren mittlerweile zahlreiche theoretisch-orientierte Studien zu dialektsyntaktischen Phänomenen (vgl. Bayer 1984, Abraham/Bayer 1993, Penner 1995, Weiß 1998, 2005a, 2008, 2015, Axel/Weiß 2011, Grewendorf/Weiß 2014, u.v.a.m.), und auch für typologische Fragestellungen wurde inzwischen die Relevanz dialektsyntaktischer Daten entdeckt (vgl. Kortmann 2004, Bisang 2004).

Ein nicht unwichtiger Grund für die Präferenz dialektaler Daten in der theoretischen Syntax ergibt sich aus der Tatsache, dass Dialekte aus der Perspektive des Spracherwerbs natürlichere Ausprägungen menschlicher Sprachen darstellen als die Standardvarietäten des Deutschen oder Englischen (zu diesem Aspekt vgl. Weiß 1998, 2001, 2004, 2005b). Nach dem Spracherwerbskriterium lassen sich zwei Arten natürlicher Sprachen differenzieren:

N1-Sprachen (natürliche Sprachen erster Ordnung) unterliegen dem L1-Kriterium, d.h. sie werden von Generation zu Generation hauptsächlich als Erstsprachen erworben. 

⇒ prototypische Vertreter: Dialekte

N2-Sprachen (natürliche Sprachen zweiter Ordnung) unterliegen nicht dem L1-Kriterium, d.h. sie werden von Generation zu Generation nicht als Erstsprachen erworben, sondern (meistens per Instruktion) erlernt.

⇒ prototypische Vertreter: Hoch- oder Standardsprachen

Mit dem Spracherwerbskriterium lässt sich die Natürlichkeit einer Sprache recht präzise definieren – und nach dieser Definition ist Standarddeutsch eben lediglich eine natürliche Sprache zweiter Ordnung (d.h. eine N2-Sprache), während die im Bundesland Hessen gesprochenen Dialekte natürliche Sprachen erster Ordnung (d.h. N1-Sprachen) sind. Daraus ergibt sich der höhere Wert von Dialekten für die Linguistik.

Konkret heißt das: Da Dialekte hauptsächlich erworben und nicht in der Schule gelernt werden, müssen sie bestimmte Eigenschaften aufweisen, um im natürlichen Spracherwerb überhaupt erworben werden zu können. Den Kindern, die N1-Sprachen als Erstsprachen erwerben, fehlen zwei wichtige Anhaltspunkte, die man gewöhnlich hat, wenn man eine Sprache durch Instruktion (z.B. in der Schule) lernt: Sie bekommen weder explizite positive noch negative Evidenz, d.h. niemand sagt ihnen explizit, salopp ausgedrückt, was richtig und was falsch ist (genaueres zu diesem Aspekt bei Weiß 2005b). Dialekte müssen daher vollständige und regelmäßige Grammatiksysteme aufweisen, um überhaupt erworben werden zu können – was der gängigen Meinung, ihre Grammatik sei fehler- und lückenhafthaft, diametral widerspricht.