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Warum gibt es überhaupt Variation?

Variation wirkt auf den ersten Blick zunächst einmal sehr chaotisch: Es ist ziemlich verwirrend zu sehen, dass offenbar selbst in ein und demselben Ort unterschiedliche Varianten einer Konstruktion vorkommen. In einer SyHD-Aufgabe, in der überprüft werden sollte, ob und in welcher Form das Pronominaladverb davon getrennt werden kann (vgl. 9), zeigte sich, dass es im gesamten Untersuchungsgebiet lediglich einen einzigen Erhebungsort (nämlich das zentralhess. Büdingen_Vonhausen mit fünf Informant_innen) gab, in dem nur eine einzige Variante akzeptiert wurde, während in allen übrigen Orten jeweils mindestens zwei Varianten als möglich angekreuzt wurden. In einigen wenigen Orten wurden sogar alle vier Möglichkeiten akzeptiert (z.B. im zentralhess. Lollar_Ruttershausen oder im nordhess. Alsfeld_Eifa). Die genaue Verteilung der einzelnen Varianten kann der Karte in (14) entnommen werden (s. auch Fleischer 2017).

(14) Aufgabe E1_11: Pronominaladverb

Zufällig kommt ihr Freund Otto vorbei. Sie fragen ihn, ob er mitbekommen hat, dass die Nachbarn sich scheiden lassen. Er hat aber noch nichts davon gehört. Er sagt:

a) Dadavon weiß ich noch nichts!

b) Da weiß ich noch nichts davon!

c) Davon weiß ich noch nichts!

d) Da weiß ich noch nichts von!

(15) Karte E1_11: Pronominaladverb

Heterogenität (d.i. Variation), nicht Homogenität ist also der Normalfall, selbst in Bezug auf die Syntax (Weiß 2013) – und selbst in so kleinen Sprachgemeinschaften, wie sie die SyHD-Erhebungsorte darstellen. Variation ist aber auf keinen Fall willkürlich – was auch der Grund dafür war, warum sich die theoretische Syntax dafür zu interessieren begann. Die syntaktischen Varianten sind ja nicht einfach da und haben nichts miteinander zu tun, sondern sie sind zumindest zum überwiegenden Teil determiniert bzw. restringiert durch die Universalgrammatik (UG): Die syntaktischen Varianten stehen in einem Verhältnis zueinander, das durch die UG vorgegeben ist, und können aufeinander bezogen und voneinander abgeleitet werden. Die in dialektsyntaktischen Projekten erhobene, sehr kleinteilige Variation eignet sich daher bestens um zu erforschen, was überhaupt die minimalen Einheiten sprachlicher Variation sind (Weiß 2013). Die Unterschiede zwischen Sprachen wie Deutsch, Englisch, Italienisch oder Chinesisch sind dagegen viel zu grob, um Aufschluss über die maximale Kleinteiligkeit des sprachlichen Variationsraumes zu erlauben. Das Konzept der Mikrovariation, wie es Kayne (1996) vorgeschlagen hat, hat sich inzwischen als äußerst erfolgreiches Forschungsprogramm erwiesen (vgl. dazu Brandner 2012, Weiß 2013).