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Vorbemerkung

Vorbemerkung

Bevor in unserem Projekt verlässliche Daten zu dialektsyntaktischen Phä-nomenen erhoben werden konnten, mussten zahlreiche Vorüberlegungen angestellt und wichtige Vorarbeiten geleistet werden (cf. auch Flei-scher/Kasper/Lenz 2012 und Lenz/Fleischer/Weiß 2015). Hierzu zählen unter anderem die Festlegung des genauen Untersuchungsgebietes, die Aus¬wahl geeigneter Erhebungsorte und Gewährspersonen, eine gründliche Literaturrecherche und Korpusanalyse, die Einlautung (Dialektalisie-rung/Regionalisierung) der sprachlichen Stimuli sowie schließlich die Durchführung von Pretests vor den eigentlichen Haupterhebungen.

Untersuchungsgebiet

Untersuchungsgebiet

In SyHD ging es – wie auch analog in anderen Großprojekten, etwa dem Syntactische Atlas van de Nederlandse Dialecten (SAND) zur niederländischen, dem Syntaktischen Atlas der Deutschen Schweiz (SADS) und dem Projekt Syntax des Alemannischen (SynAlm) zur schweizerdeutschen bzw. alemannischen, dem in Vorbereitung befindlichen Projekt Syntax des Bairischen (SynBai) zur bairischen, dem Netzwerk Scandinavian Dialect Syntax (ScanDiaSyn) zur skandinavischen oder dem Atlante Sintattico d’Italia (ASIt) zur italienischen Dialektsyntax – darum, erstmals und flächendeckend die Syntax der im Bundesland Hessen gesprochenen Dialekte in ihren Grundzügen zu erheben, systematisch zu erschließen und zu analysieren. 

Bei der Festlegung des Untersuchungsgebietes kann man entweder nach linguistischen bzw. dialektologischen Kriterien vorgehen wie im Falle von SynAlm oder SynBai oder aber nach politisch-administrativen wie bei SyHD. Während man bei ersterem Vorgehen ein zusammenhängendes Dialektgebiet über regionale und Staatsgrenzen hinweg untersucht – was der Tatsache Rechnung trägt, dass Sprachen bzw. Dialekte nicht grundsätzlich an politischen Grenzen „Halt machen“ –, hat letztere Vorgehensweise den Vorteil, sich nicht an bereits vorgegebenen und einfach auf die Syntax übertragenen „traditionellen“ Dialekteinteilungen zu orientieren. Diese beruhen nämlich ganz überwiegend auf phonetisch-phonologischen und mit Einschränkungen auf morphologischen Kriterien, wurden jedoch nicht nach syntaktischen Gesichtspunkten erstellt. Es ist aber keineswegs selbstverständlich, dass Kategorien wie „Alemannisch“ und „Bairisch“ oder „Moselfränkisch“, „Rheinfränkisch“ etc. auf die Syntax und deren spezifische Raumbildung angewandt werden können. Auch etwa die Benrather Linie als Trennlinie zwischen dem hoch- und dem niederdeutschen Sprachraum, die auf lautlichen Aspekten beruht (Zweite Lautverschiebung) und ein dafür äußerst wichtiges Isoglossenbündel darstellt, muss nicht zwangsläufig auch für die Syntax Relevanz besitzen. In der Tat zeigte sich im Rahmen der Erhebungen in SyHD, dass diese Linie durch (großräumigere) syntaktische Arealbildungen oftmals überschritten wird (cf. Kasper 2011, Lenz 2012, Strobel 2012, 2013). Lautliche, morphologische und syntaktische (oder auch lexikalische) Isoglossen müssen also keineswegs zusammenfallen. Für eine diesbezüglich unbefangene Herangehensweise kann man ein neutrales quadratisches Raster (Gitternetz) über ein politisch-administrativ definiertes Untersuchungsgebiet legen und pro Planquadrat einen Erhebungsort auswählen, sodass sich eine relativ gleichmäßige Verteilung der Ortspunkte über das Erhebungsgebiet hinweg ergibt (siehe zum genauen Vorgehen Fleischer/Kasper/Lenz 2012).

Auswahl von Erhebungsorten und Gewährspersonen

Auswahl von Erhebungsorten und Gewährspersonen

Bei der Orts- und Informantenwahl müssen einige wichtige Punkte bedacht und vorab möglichst einheitliche Auswahlkriterien definiert werden, um durch die Kontrolle bzw. Konstanthaltung möglichst vieler Faktoren vergleichbare Bedingungen zu schaffen und durch die gezielte Manipulation einzelner Variablen eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse zu gewährleisten.

Strebt man (basis-)dialektale Sprachlagen an, so sind diese am ehesten in Orten mit ländlichen/dörflichen Strukturen zu erwarten, weshalb für potenzielle Erhebungsorte eine Größe zwischen 500 und 1.500 Einwohnern ideal ist. Unterhalb dieser Einwohnerzahl ist zu befürchten, dass nicht genügend dialektkompetente Gewährspersonen zur Verfügung stehen, bei einer größeren Einwohnerzahl treten eventuell keine basisdialektalen Strukturen mehr auf, sondern lediglich regiolektal bis standardsprachlich geprägte Varietäten (cf. Lenz 2003). Weiterhin kann es sinnvoll und hilfreich sein – allgemein zu Vergleichszwecken sowie im Besonderen zur Erleichterung der Vorabrecherche oder auch der Einlautung der sprachlichen Stimuli –, gezielt Erhebungsorte zu wählen, zu denen bereits Wenkerbögen, Sprachproben/Tonaufnahmen und/oder (syntaxrelevante) dialektologische Literatur existieren. 

Die Auswahl der für den jeweiligen Ortsdialekt Auskunft gebenden Gewährspersonen muss mit größter Sorgfalt geschehen, da davon die Qualität der erhobenen Daten wesentlich abhängt. Die traditionelle Dialektologie wählte als Informanten meist sog. NORMs. Dieses Akronym steht für non-mobile old rural male: Nicht oder wenig mobile Sprecher wurden gegenüber Pendlern und Personen, die längere Zeit außerhalb des Erhebungsortes gelebt haben, bevorzugt, da Letztere mehr sprachlichen Einflüssen ausgesetzt sind, die den Dialekt beeinflussen (regionale Umgangssprachen, Standardsprache). Ortsfestigkeit – also die Erfordernis, am Ort aufgewachsen zu sein und gelebt zu haben – ist in jedem Fall ein sehr wichtiges Kriterium, weil Dialekt ja ortsgebundene Sprache ist. Und da der Spracherwerb ganz entscheidend von den Eltern geprägt ist (die wiederum von der Generation der Großeltern den Dialekt erworben haben), sollte außerdem mindestens ein Elternteil ebenfalls aus dem Erhebungsort kommen. Ältere Sprecher wurden jüngeren vorgezogen, weil bei der jüngeren Generation die Mobilität immer mehr zunimmt und damit auch der Einfluss anderer Varietäten bzw. weil die jüngere Generation unter Umständen überhaupt keinen Dialekt mehr (aktiv) erworben hat. Das hängt aber letztlich entscheidend vom Untersuchungsgebiet ab, da es einerseits Sprachräume gibt, in denen die Dialekte stark abgebaut wurden bzw. werden (wie etwa in Hessen, im niederdeutschen Raum oder in großstädtischen Ballungsgebieten), andererseits hingegen dialektloyalere Gebiete (vor allem im bairischen und alemannischen Sprachraum). Während es bei fortgeschrittenem Dialektabbau sinnvoll ist, die Altersgruppe der Gewährspersonen auf die älteste Generation einzuschränken (in SyHD z. B. ab 65 Jahren), weil erwartet werden kann, dass nur noch diese Altersschicht (Basis-)Dialekt spricht, kann in dialektloyaleren Gegenden durchaus noch ein intergenerationeller Vergleich angestrebt werden, indem man mit einer älteren und einer jüngeren Generation beispielsweise den Dialektgebrauch zweier verschiedener Altersgruppen erhebt (einer Gruppe mit potenziell konservativerem und einer mit potenziell progressiverem Sprachverhalten) und anschließend einander gegenüberstellt. Darüber hinaus wurden und werden für Dialekterhebungen Informanten aus ländlichen Gegenden gegenüber solchen aus urbanen Räumen bevorzugt. Früher wurden in der Dialektologie außerdem männliche gegenüber weiblichen Gewährspersonen präferiert. Das liegt daran, dass Männer oft weniger mobil waren, weil sie beispielsweise eine Landwirtschaft betrieben, wohingegen Frauen einheirateten und meist zum Mann auf den Hof zogen. In modernen Forschungsprojekten hat man mit der Befragung von NORFs (= non-mobile old rural female) aber zum Teil sogar bessere Erfahrungen gemacht, da Frauen häufig kommunikativer sind. Weitere Auswahlkriterien für die Erfassung möglichst tiefer Dialektschichten stellen der Bildungsgrad und der ausgeübte Beruf der Gewährsperson dar. Während manuell-landwirtschaftliche Tätigkeiten oftmals mit einem höheren Grad an Dialektgebrauch und -kompetenz korrelieren, bewirken ein Hochschulstudium und kommunikationsintensive Berufe meist größere Mobilität und die regelmäßige Verwendung höherer Sprachlagen mit einem weiteren Kommunikationsradius, was die Gebrauchsfrequenz und schließlich auch die Strukturen des Dialekts beeinflusst. 

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie man überhaupt mit potenziellen Informantinnen und Informanten, die für ihren Dialekt Auskunft geben, in Kontakt kommen kann. Die Akquisearbeit ist ein nicht zu unterschätzender Zeitfaktor, insbesondere dann, wenn es sich um ein groß angelegtes Projekt handelt und man mehrere Gewährspersonen pro Ortspunkt befragen möchte, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten (mindestens 3, im Idealfall aber zwischen 5 und 8 wie in SyHD). Hier empfiehlt es sich, den Weg über lokale Kontaktpersonen (Multiplikatoren) zu gehen und sich zunächst an Ortsvorsteher oder Bürgermeister sowie Vorsitzende von (Heimat-)Vereinen zu wenden, die über gute Ortskenntnisse verfügen und potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten auf der Basis vorgegebener Kriterien (Alter, Herkunft und Ortsfestigkeit, Ausbildung/Beruf, Mobilität etc.) benennen und vielleicht sogar schon vorbereitend kontaktieren können. Auch mit gewissen Fluktuationen im Informantenbestand insbesondere im Laufe mehrerer Erhebungsrunden ist zu rechnen, sodass Nach- bzw. Neuakquisen nötig werden können.

Literaturrecherche und Korpusanalyse

Literaturrecherche und Korpusanalyse

Was die Auswahl der untersuchten Phänomene selbst betrifft, so mussten zunächst die in den Dialekten Hessens gegenüber dem Standarddeutschen prinzipiell vorzufindenden syntaktischen Besonderheiten ermittelt werden. Um später nicht die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu suchen, muss man bereits gewisse Erwartungen haben. Syntaktische Phänomene haben in freien Gesprächen – im Vergleich zu lautlichen, lexikalischen oder sogar morphologischen Charakteristika – eine relativ niedrige Vorkommensfrequenz, sodass man eine sehr große Menge an (gesprochenen oder transliterierten) Texten durchsuchen müsste, um auf bestimmte Phänomene zu stoßen bzw. eine (quantitativ wie qualitativ) ausreichende Anzahl an Belegen zu finden. Patocka (1989) bzw. Kortmann (2010) geben für die Erforschung syntaktischer Strukturen an, dass dafür etwa 80-mal bzw. 40-mal mehr Text nötig sei als für die Untersuchung phonetisch-phonologischer Merkmale. Daher ist zwar die Analyse freier Gespräche grundsätzlich eine geeignete Methode, für eine syntaktische Analyse insbesondere seltenerer (niedrigfrequenter) Ausdrucksmittel jedoch unter Umständen wenig fruchtbar. Auch für eine detaillierte Untersuchung der syntaktischen Distribution eines bestimmten Phänomens, das heißt für eine Differenzierung nach syntaktischem Kontext, erhält man aus freien Gesprächsdaten lediglich eine unzureichende Datenmenge. Diese müssen also durch andere Methoden ergänzt und – wie in SyHD geschehen – mit evozierten Daten aus Fragebogenerhebungen und/oder Experimenten kombiniert werden (cf. auch Kallenborn 2011a, 2011b), um gewisse Konstruktionen gezielt abprüfen zu können.

Für einen ersten Zugang zu potenziell interessanten Phänomenen kann man – soweit vorhanden – linguistische bzw. dialektologische Fachliteratur auswerten und grammatische Beschreibungen von Ortsdialekten in Form von Ortsmonographien bzw. -grammatiken heranziehen. Als Nachteil erweist sich bei Letzteren jedoch, dass die Autorinnen und Autoren dieser meist älteren Werke, die recht zahlreich vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jh. als rein deskriptive Dissertationen entstanden sind, der Syntax häufig einen sehr geringen Stellenwert beimaßen. Einige Hinweise kann man jedoch auch in den Morphologiekapiteln wiederfinden und selbst primär phonologisch oder morphologisch orientierte Werke kann man nach eventuellen für die Syntax relevanten Beispielsätzen durchsuchen. In einigen Fällen können auch großlandschaftliche Wörterbücher (z. B. das Hessen-Nassauische Wörterbuch, HNWB) sowie kleinräumigere, lokale Wörterbücher (wie etwa das Frankfurter Wörterbuch 1971–1988 oder das Mittelhessische Wörterbuch 1993) herangezogen werden, sofern eine enge Beziehung zu einem bestimmten Lexem besteht (so wie beispielsweise im Falle der partitiv gebrauchten Genitivpartikeln ere und sen, zu denen manche Wörterbücher einen eigenen Eintrag mit Beispielen haben). Bei der Literatursuche war die im Internet verfügbare Georeferenzierte Online-Bibliographie Areallinguistik (GOBA) als Teil des Digitalen Wenker-Atlas (DiWA) sehr hilfreich. Auch das Exzerpieren von Dialekttexten in Form von Mundartliteratur kommt prinzipiell in Frage, diesen liegt jedoch möglicherweise nicht der natürliche Sprachgebrauch zugrunde, sondern sie können mehr oder weniger stark reflektiert sein und einem gewissen Grad an Normierung unterliegen.

Um zu überprüfen, ob die ermittelten Phänomene auch in der spontanen Sprache vorkommen, sollte sich an die Literaturrecherche eine Korpusanalyse anschließen. Da Dialekte gesprochene Sprache sind – so wie Sprache allgemein primär mündlich ist –, müssen hierzu (mehr oder weniger) spontansprachliche Tonaufnahmen bzw. deren Transliterationen ausgewertet werden, wie sie für die deutschen Dialekte etwa mit den sog. Zwirner-Aufnahmen vorliegen. Das Korpus Deutsche Mundarten: Zwirner-Korpus (benannt nach Eberhard Zwirner) ist über das Archiv bzw. die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (AGD/DGD) des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim verfügbar und umfasst knapp 5.800 zwischen 1955 und 1970 entstandene Sprachproben, von denen gut 2.300 transkribiert vorliegen. Bei den Aufnahmen wurde der Basisdialekt angestrebt und als Erhebungsmethode wurde eine (möglichst) wenig strukturierte Befragung gewählt, bei der eine einleitende Frage des Interviewers (Explorator) im Idealfall einen Monolog des Informanten auslösen sollte. Durch die Wahl von in der Regel drei autochthonen Sprechern pro Ort, die aus der jüngeren (um 20 Jahre), mittleren (um 40 Jahre) und älteren Generation (über 60 Jahre) stammten, ist ein Vergleich des Dialektgebrauchs der drei verschiedenen Altersgruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt und damit ein Einblick in diachrone Sprachwandelprozesse auf der Grundlage synchroner Daten möglich (Apparent-Time-Hypothese, cf. u. a. Chambers/Trudgill 1998: 149–153). Insgesamt können die Zwirner-Daten wiederum diachron mit aktuellen Dialektdaten verglichen werden. Der erste Sprachatlas überhaupt und das weltweit nach wie vor größte Korpus dialektaler Daten liegt jedoch mit den Wenker-Materialien vor, bei denen es sich um die einzige Gesamterhebung (an über 40.000 Erhebungsorten zzgl. weiteren knapp 10.000 Nacherhebungsorten in den Gebieten außerhalb des Deutschen Reichs) und kartografische Darstellung (1.668 handgezeichnete Karten) der Dialekte des Deutschen handelt. Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reichs (Erhebungszeitraum: 1876–1887, Kartierung: 1888–1923) steht in Form des Digitalen Wenker-Atlas (DiWA) inzwischen auch digitalisiert und online zur Verfügung (die neue Version wird von regionalsprache.de geliefert). Die 40 Wenkersätze, die indirekt per Fragebogenversand erhoben und in der zweiten Hälfte des 20. Jh. um Tonaufnahmen ergänzt wurden, waren jedoch nicht im Hinblick auf syntaktische Phänomene erstellt worden. Dennoch ist zumindest bei einigen Sätzen eine (Sekundär-)Auswertung unter syntaktischen Gesichtspunkten möglich, was derzeit an der Universität Marburg im Rahmen des Projekts Syntax der Wenkerbogen durchgeführt wird. Durchsucht man beispielsweise für das hessische Gebiet das Zwirner-Korpus (ZW) und die DiWA-Sprachproben (Korpus Tonaufnahmen der hessischen Mundarten, TAHM), so kann man dabei unter anderem Belege für die folgenden Phänomene finden (hier wurde eine sehr standardnahe Transliteration gewählt, da das syntaktische Interesse im Vordergrund steht):

(1)Wir können keine Erholungsreise machen, da haben wir keine Zeit dafür (DGD ZW5G6, Erbstadt/Kreis Hanau) (Pronominaladverb: Distanzverdoppelung)

(2)Dann haben wir uns ins Bett gelegt. Und um drei kriegten wir wieder geweckt (DGD ZWW42, Hartmannshain/Kreis Lauterbach) (kriegen-/Rezipienten-Passiv)

(3)[...] das war so ’ne Zeit, wo die Zechen und die großen Industriewerke aufgebaut sollten werden (DGD ZWW58, Romsthal/Kreis Schlüchtern) (Serialisierung im Verbalcluster)

(4)Du bist noch nicht groß genug für eine Flasche Wein auszusaufen [...] (DiWA TAHM, Wenkersatz 16, Mörlenbach/Kreis Bergstraße) (finaler Infinitiv mit für ... zu)

(5)[...] da waren die anderen schon im Bett und waren fest am schlafen (DiWA TAHM, Wenkersatz 24, Erbach/Odenwaldkreis) (am-Progressiv/„Rheinische Verlaufsform“)

(6)Die Leute sind heute alle draußen auf dem Feld und tun mähen (DiWA TAHM, Wenkersatz 38, Zell/Odenwaldkreis) (tun-Periphrase)

Mithilfe von Fachliteratur und Korpusrecherchen gelangten wir zu einem Phänomenkatalog, das heißt einer Auflistung relevanter syntaktischer Konstruktionen, deren areale Verbreitung und Verwendungsweise durch die Erhebung aktueller Dialektdaten genauer untersucht werden sollten. Im Folgenden ist ein Auszug des SyHD-Phänomenkatalogs angeführt. Dabei wurden die einzelnen Phänomene jeweils übergeordneten Phänomenbereichen zugeordnet. Freilich könnte man die angeführten Phänomene zum Teil auch anders gruppieren bzw. anderen Phänomenbereichen zuordnen. Unter einen Bereich Serialisierung (Wortfolge) würden beispielsweise die Wortstellung im Verbalcluster oder die Stellung von (klitischen) Pronomina fallen, unter Verdoppelungsphänomene – eine Schnittstelle zum Dachprojekt European Dialect Syntax (Edisyn) – könnte man etwa die (kurze und Distanz-)Verdoppelung von Pronominaladverbien, Doubly-filled COMPs oder das hier nicht aufgeführte Phänomen der Mehrfachnegation (Früher hat für so etwas keiner kein (ein) Geld (nicht) gehabt) subsumieren.

PhänomenbereichPhänomenBeispiel (Fragen in SyHD)
VerbalsyntaxErsatzinfinitiv…, dass du es nicht hast durft gesagt/sagen dürfen/durft gesagen/dürfen gesagt.
RezipientenpassivDer wird/die kriegt/die bekommt das Bein wieder angenäht.
Verbalcluster (zwei- bzw. dreigliedrig…, ob er einmal will heiraten/heiraten will.
…, dass wir das Buch bis am Freitag gelesen haben müssen/müssen gelesen haben/gelesen müssen haben.
Verlaufsformen (am-Progressiv, tun-Periphrase ...)Ich bin am (beim, dabei zu) G/gewinnen.
Ich tue gewinnen.
Nominal- und PronominalsyntaxArtikel vor Eigennamen(Der) Klaus schießt immer den Ball gegen die Garage.
Indefinitartikel bei KontinuativaWill noch jemand (ein) Salz?
Indefinit-partitive PronominaIch hätte gerne Radieschen. Hast du welche/ere/∅/einePL da?
Wir haben auch (eine) Milch. Willst du welche/ere/
/eine?
Ich habe keinen Zucker mehr. Hast du (noch) welchen/sen/es/
/einen (noch)?
Possessiver DativDas ist dem Bürgermeister seine Tochter/die Tochter vom Bürgermeister.
Pronomenserialisierung (Subj.–Obj., dir. Obj.–indir. Obj.)Tätst du ihn/ihn du richtig kennen, hättest du ...
Sie hat’s mir/hat mir’s gestern erzählt.
PronominaladverbDa(da)von weiß ich noch nichts/Da weiß ich noch nichts (da)von.
SatzverknüpfungVergleichskonstruktionen (Äquativ und Komparativ)Der Thomas ist so alt wie/als wie (dass) meine Schwester.
Die Tür ist ja breiter wie/als/als wie (dass) hoch.
Doubly-filled COMPsMan glaubt’s ja heute nicht mehr, mit wie wenig (dass) man früher zufrieden war.
Flektierte KonjunktionenIch möchte wissen, ob ihr/obd ihr/ob dihr auch Angst vor eurem Lehrer habt.
RelativpronomenDas Geld, das/was/(das) wo ich verdiene, gehört mir.
w-ExtraktionWas glaubst du/Mit wem glaubst du, mit wem (dem) er Streit hat?

Phänomenliste Syntax hessischer Dialekte (SyHD) (Auszug)
(cf. ausführlich Lenz/Fleischer/Weiß 2015)

Dialektalisierung / Regionalisierung

Dialektalisierung / Regionalisierung

Um bei den zumeist bilingualen bzw. bivarietären Gewährspersonen (Dialekt und Hochdeutsch) die angestrebte (basis-)dialektale Sprachlage zu aktivieren, ist es nötig, die sprachlichen Stimuli nicht im Standard anzubieten, sondern im jeweiligen Ortsdialekt bzw. – aus praktischen Gründen – ggf. in einer überregionaleren Varietät, die einen Ausgleich zwischen mehreren benachbarten Orten darstellt. Das gilt mindestens für die Testsätze selbst, im Idealfall sogar auch für die hinführenden Situationsbeschreibungen. Die Fragebogenaufgaben mussten also dialektalisiert bzw. regionalisiert werden, das heißt phonographisch an den entsprechenden Dialekt angepasst werden, bevor sie an die Gewährspersonen verteilt bzw. verschickt wurden. Aufgrund des Umfangs des Forschungsvorhabens war eine solche „Einlautung“ jedoch nicht orts(punkt)genau möglich, sondern es musste ein Kompromiss aus Notwendigkeit und Machbarkeit gefunden werden: Die Dialektalisierung/Regionalisierung muss einerseits genau genug sein, damit sich die Befragten mit der verwendeten Varietät identifizieren können, hängt in ihrer Umsetzbarkeit aber andererseits wesentlich von der Anzahl der Testsätze, der Ortspunkte und der betroffenen Dialektgebiete ab. Während es beim SADS reichte, drei Dialektversionen herzustellen (mit eigenen Fragebögen für die Kantone Bern und Wallis), ist die „Kleinräumigkeit“, das heißt die phonologische, morphologische und lexikalische Heterogenität der Dialekte in Hessen so stark ausgeprägt bzw. deren kommunikative Reichweite so gering, dass in SyHD 17 Regionalisierungsversionen für die innerhessischen Gebiete und weitere 12 Versionen für außerhessische Vergleichspunkte erstellt wurden (siehe Karte). Letztere liegen im Abstand von 50–75 km elliptisch um das Bundesland Hessen („hessischer Gürtel“) und sollten einen Anhaltspunkt für den weiteren Verlauf der syntaktischen Variation angrenzend an das Untersuchungsgebiet liefern.

Einteilung der Dialektalisierungs-/Regionalisierungsversionen in SyHD

Zur Illustration seien hier sämtliche 29 (17+12) eingelautete Versionen anhand eines Beispieltestsatzes angeführt (hier für eine Frage zum Verbalcluster im Nebensatz: Also ich weiß nicht, ob er einmal heiraten will/will heiraten). Die Dialektbezeichnungen orientieren sich an der Einteilung Wiesingers (1983). Wo zwei oder drei Bezeichnungen nacheinander auftreten, steht dies für ein dialektales Übergangsgebiet. Größere Dialektgebiete wurden aufgeteilt und für sie wurde jeweils mehr als eine Version angefertigt:

 

Regionen in HessenBeispielsatz
Rheinfränkisch aAlso isch waaß net, ob er emol heiern will.
Rheinfränkisch bAlso isch waaß net, ob er emol heiern will.
Zentralhess.-Moselfr.-Rheinfr.Also ich waaß nit, ob er emol heirate will. 
Zentralhess.-Rheinfr.Also ich waaß nit, ob er emol heuroate will. 
Zentralhess.-Moselfr. aAlso eich waaß nit, ob hä emol heirode will.
Zentralhess.-Moselfr. bAlso eich waaß net, ob er emol heirode will. 
Zentralhessisch aAlso ich waaß net, ob er emoal heuroade will. 
Zentralhessisch bAlso eich waaß nid, ob er emol heurade will. 
Zentralhess.-Osthess.-Ostfr.Also ich weiß nett, ob er emoa heuroate will.
OsthessischAlso ich weiß net, ob hä emoh heirod will. 
Zentralhess.-Nordhess.Also eich weeß net, ob er emol heurode well. 
Nordhessisch aAlso ech wiß nit, ob hä emol freie will.
Nordhessisch bAlso ech weß net, ob hä emoh frechen well. 
Nordhess.-Osthess.Also ich wäß net, ob hä emol fräie well.
Nordhess.-Thüring.Also ich weß net, ob hä email freien well.
Westfälisch aAlso ik wäit nit, af häi äinmoal hieroate will. 
Ostfälisch aAlso ik weit nich, af hei äinmoal hieroate will. 
Orte außerhalb HessensBeispielsatz
Rheinfränkisch cAlso ich wees nit, ob der emol heirate well.
Rheinfränkisch dAlso ich wäß net, ob er emol heirate will. 
MoselfränkischAlso ech waaß net, ob er emol heiraden will. 
RipuarischAlso eich waaß net, ob er emol heirode will. 
Westfälisch bAlso iek wäit nit, af hai enmoal hieroaten will. 
Westfäl.-Ostfäl.Also ik weit nich, af hei moal frijjen will.
Ostfälisch bAlso eik weit nich, ob hei moal hieroate will. 
Thüringisch aAlso ich weß nich, ob ahr ema freien will.
Thüringisch bAlso ech weß net, ob hae ema freien well.
Ostfränkisch aAlso iech wäß näd, ob ha ämol heier will. 
Ostfränkisch bAlso i wääs nidd, ob dar emol frain well. 
SchwäbischAlso I woiß ette, ob er mol heirate will. 

 

 

 

Als Hilfsmittel bzw. Quellen, die zur Anfertigung der Dialektalisierungen/Regionalisierungen herangezogen wurden, wurde nicht nur die Möglichkeit der (telefonischen) Befragung ortsansässiger Dialektsprecher genutzt, sondern auch Ortsmonographien/-grammatiken, großlandschaftliche und lokale Wörterbücher, Sprachproben/Tonaufnahmen sowie die Wenkerbögen aus den entsprechenden Orten und – nach einem ersten Rücklauf etwa zu einem Pretest – die Schreibungen der Informanten selbst (in allen Fragebogenteilen mit „freien Antworten“), insbesondere, weil es sich bei den letzten beiden Quellen um Laienschreibungen handelt.

Durchführung von Pretests

Durchführung von Pretests

Bevor man die fertigen Fragebögen im Rahmen der Haupterhebungen an sämtliche Gewährspersonen verschickt (in SyHD über 1.000, gemessen am Rücklauf), empfiehlt es sich dringend, Vorabuntersuchungen (Pretests) durchzuführen, das heißt die entworfenen Bögen zunächst an ein repräsentatives Sample von Gewährspersonen zu schicken. Dadurch kann man nicht nur allgemein die unterschiedlichen Aufgabentypen (sowie deren Eignung für bestimmte Phänomene) und das Design einzelner Fragen daraufhin testen, ob sie eine (qualitativ wie quantitativ) noch beherrschbare Komplexität aufweisen. So soll vermieden werden, dass die Gewährspersonen – je nach Alter und Hintergrund – damit überfordert sind, was sich in einer erhöhten Anzahl „inkonsistenter Antworten“ äußern würde. Ein ebenso wichtiges Ziel von Pretests ist es, eventuelle Missverständnisse bei der Formulierung sowie potenzielle Ausweich- bzw. Vermeidungsstrategien der Gewährspersonen zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Dazu muss ausreichend, aber keinesfalls zu viel Spielraum für Abweichungen von den angestrebten Zielkonstruktionen gelassen werden, da sonst die Zahl der „irrelevanten Antworten“ sehr hoch ausfallen könnte. Einerseits muss es also die Fragestellung zulassen, sich gegen eine vorgegebene Konstruktion zu entscheiden bzw. eine davon abweichende zu wählen, andererseits sollte das Feld der Antwortmöglichkeiten eng genug gesteckt sein, damit die intendierte Konstruktion und deren Alternativen vorkommen können bzw. durch eine hinreichend enge Fragestellung evoziert werden. Geht es also zum Beispiel um die Erhebung von (indefinit-partitiven) Pronomina, ist es ein unerwünschtes Ergebnis, wenn stattdessen das Substantiv wiederholt wird anstatt pronominalisiert zu werden (Da sind Pilze! statt Da sind welche/ere!). Dennoch muss die Möglichkeit der Wiederholung des Substantivs gegeben sein, falls für eine Gewährsperson die Pronominalisierungsstrategie in einem bestimmten Kontext nicht akzeptabel ist (etwa eines Abstraktums wie Angst durch ein indefinit-partitives Pronomen welche/ere/eine: Hast Du Angst? – Ja, ich habe Angst). Bei der Erhebung dieses Phänomens hat es sich als sehr sinnvoll erwiesen, das Antezedens, auf das sich das Pronomen bezieht, noch mal direkt in den Stimulussatz, das heißt in die Antwort der Gewährsperson selbst mit einzubauen, etwa bei: Wie viele Geschwister hast du? – Geschwister? Ich hab (ere) fünf. Dadurch sinkt die Gefahr einer Vermeidung der Pronominalisierung durch Wiederholung des Substantivs (Geschwister? Ich hab fünf Geschwister) deutlich (cf. Strobel 2012).

Darüber hinaus geben Pretests auch Feedback zur Qualität der dialektalen/regionalen Einlautung. Sollten Gewährspersonen hier mehrheitlich Korrekturen angebracht bzw. bei den „freien Antworten“ eine lautlich (wenn auch vielleicht nicht syntaktisch) abweichende Alternative angegeben haben, kann man vor der Haupterhebung noch Anpassungen vornehmen. 

Literatur

  • Chambers, J. K./Trudgill, P. (21998): Dialectology. Cambridge.
  • Fleischer, J./Kasper, S./Lenz, A. N. (2012): Die Erhebung syntaktischer Phänomene durch die indirekte Methode: Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt Syntax hessischer Dialekte (SyHD). In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 79/1, 2–42.
  • Kallenborn, T. (2011a): Ein Ansatz zur Erhebung regionalsprachlicher Syntax. Überlegungen am Beispiel von Pronominaladverbien im Moselfränkischen. In: Christen, H./Patocka, F./Ziegler, E. (Hrsg.): Struktur, Verwendung und Wahrnehmung von Dialekt. Wien, 80–98.
  • Kallenborn, T. (2011b): Ein experimenteller Ansatz zur Erhebung regionalsprachlicher Syntaxdaten. In: Ganswindt, B./Purschke, C. (Hrsg.): Perspektiven der Variationslinguistik. Beiträge aus dem Forum Sprachvariation. Hildesheim/Zürich/New York, 279–304.
  • Kasper, S. (2011): Dialektsyntaktische Phänomene, die niederdeutsche Sprachgrenze und das Projekt Syntax hessischer Dialekte (SyHD). 1. Nachwuchskolloquium für niederdeutsche Sprachforschung und 4. Kolloquium des Forums Sprachvariation, Universität Flensburg.
  • Kortmann, B. (2010): Areal variation in syntax. In: Auer, P./Schmidt, J. E. (Hrsg.): Language and space. Vol. I: Theories and methods. Berlin/New York, 837–864.
  • Lenz, A. N. (2003): Struktur und Dynamik des Substandards. Eine Studie zum Westmitteldeutschen (Wittlich/Eifel). Stuttgart.
  • Lenz, A. N. (2012): Syntaktische Arealstrukturen im Deutschen – Ergebnisse aus dem SyHD-Projekt. 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS): „Sprache als komplexes System“, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
  • Lenz, A. N./Fleischer, J./Weiß, H. (2015): Syntax hessischer Dialekte (SyHD). In: Kehrein, R./Lameli, A./Rabanus, S. (Hrsg.): Regionale Variation des Deutschen: Projekte und Perspektiven. Berlin/Boston, 261–287.
  • Patocka, F. (1989): Dialektsyntax und Syntaxgeographie – Möglichkeiten und Grenzen. In: Putschke, W./Veith, W./Wiesinger, P. (Hrsg.): Dialektgeographie und Dialektologie. Marburg, 47–56.
  • Strobel, T. (2012): On the areal and syntactic distribution of indefinite-partitive pronouns in German: methodological advances and empirical results within the project Syntax of Hessian Dialects (SyHD). In: Álvarez Pérez, X. A./Carrilho, E./Magro, C. (Hrsg.): Proceedings of the International Symposium on Limits and Areas in Dialectology (LimiAr). Lisbon 2011. limiar.clul.ul.pt. Lissabon.
  • Strobel, T. (2013): On the spatial structure of the syntactic variable ‘pronominal partitivity’ in German dialects. In: Álvarez Pérez, X. A./Carrilho, E./Magro, C. (Hrsg.): Current Approaches to Limits and Areas in Dialectology. Newcastle upon Tyne, 399–435.
  • Wiesinger, P. (1983): Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Besch, W. et al. (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Bd. 2. Berlin/New York, 807–900.